Die Welt in Worten

In den letzten 30 Jahren sind buchstäblich Hunderte von Texten entstanden, gedruckt in Magazinen, Büchern und großen deutschen Zeitungen. Darunter Reportagen, Porträts, Interviews. Lesen Sie hier die Geschichte über eine Dame, die ihre Abgründe zu überwinden versuchte, indem sie durch die Kälte tauchte. Lesen Sie, wie es sich anfühlt, in einem Tuktuk durch Indien zu fahren und warum die Monsterwellen von Nazaré zum Nervenkitzel wurden.

Kaltblütig

Eine Südafrikanerin will den Rekord im Eistauchen brechen. Ohne Flossen, nur im Bikini. Der gefrorene See in Finnland ist dabei ihr kleinstes Problem 
*Nominiert für den Deutschen Reporterpreis

Hinter einem Holzhaus tief in den finnischen Wäldern steht die Südafrikanerin Amber Fillary dünn bekleidet im Schnee und zündet sich eine Zigarette an. Die anderen sollen davon am besten nichts mitkriegen. Es wirkt ein bisschen seltsam, wenn eine kleine, zierliche, schlanke Frau in den nächsten Tagen einen Weltrekord im Eistauchen aufstellen will und jetzt noch immer raucht und obendrein kaum schläft und dazu auch noch ständig viel zu viel Kaffee trinkt. Vielleicht käme einer auf die unfassbar dumme Idee, sie würde die ganze Sache nicht ernst nehmen.

Sie hat ja nicht einmal groß trainiert. Sie ist ja nicht einmal eine versierte Taucherin. Und dann sind da noch die ganzen anderen Dinge in ihrem Leben. Eigentlich kann sie es gar nicht schaffen, über 50 Meter weit unter einer geschlossenen Eisdecke zu tauchen, mit nur einem Atemzug, ohne Flossen und nur im Bikini. 

„Ich bin nervös“, sagt Amber. „Ich muss meinen Kopf klar kriegen.“ Sie drückt die Kippe aus, blickt nach Osten.

Ein paar Schritte den Hang runter, gleich hinter den dünnen Fichten, liegt der Päijänne, der längste See Finnlands. Ende März ein steifgefrorenes Brett, über das sich die Spuren der Schneemobile ziehen. 

Das Wasser unter dem Eis hat eine Temperatur von ein bis zwei Grad. Schon seine Füße in dieses Wasser zu setzen schmerzt. In dieses Wasser mit dem ganzen Körper hineinzugehen, kommt nach wenigen Sekunden einer Marter gleich. Das Herz stockt, die Kehle schnürt sich zu, der Kreislauf schreit vor Pein. In dieses Wasser jedoch durch ein kleines, mit einer Motorsäge ins Eis gefräste Loch zu steigen und anschließend in die dunklen Weiten des Sees abzutauchen, das muss sich anfühlen, als würde dich eine Stahlpresse in die Zange nehmen. Durch diese Stahlpresse musst du dann hindurch.

Amber sagt, sie versucht da unten an nichts zu denken. Denken ist nicht gut, es verbraucht nur Energie. Über ihr das Eis. Eine blaugraue Sphäre aus Kälte und Frost, die sich in diesen Momenten sehr wirklich und sehr buchstäblich über ihr Leben legt. Hochkommen geht nicht. Das geht erst wieder beim nächsten Loch in 25 Meter Entfernung. Und dann beim nächsten, noch einmal 25 Meter weiter.

Amber Fillary, 46 Jahre alt, will diese Schicht aus Frost überwinden, indem sie unter ihr hindurchtaucht. Niemand weiß so recht, wie sie das packen soll. Nicht einmal die anwesenden Freitaucher, von denen einige zu den besten der Szene gehören. Eine von ihnen, Nanna Kreutzmann, sagt: „Ich würde nicht mal vier, fünf Meter schaffen. Danach killt dich das Wasser.“

Es ist alles in allem keine ganz einfache Geschichte mit der Südafrikanerin namens Amber Fillary. Das mit dem Eis und dem See und dem Tauchen, das geht noch. Aber es gibt Kälte und Abgründe anderer Kategorien, und vielleicht hängt das alles zusammen. 

„Es passiert im Kopf“, sagt Amber. Sie kann sehr warm lächeln. Auf Englisch sagt sie: „I gotta get in the right headspace.“ Sie sagt das Wort so dahin, Kopffreiheit. Dann verschiebt sich alles. Sehr traurig schauen und sehr ernst, das kann sie auch, von einer Sekunde auf die nächste. Die anderen Freediver, die vor Ort sind und von Ambers Vorhaben wissen, haben längst ihre eigenen Theorien. Einige glauben, dass sie da unten im See durch ihren eigenen Schmerz tauchen will.

In den nächsten Tagen erreichen noch mehr Freediver die einsamen Hütten am Päijänne-See. Sie wollen gemeinsam tauchen, ohne Atemflaschen, ohne großes Gerät. Sie tragen lediglich Flossen, Maske, einen Bleigurt und, in der Regel, einen Neoprenanzug. Ihre Anzüge kleben am Leib wie eine zweite Haut, sie sind warm und geschmeidig, und man kommt nur in sie hinein, wenn man sich vorher mit Spülmittel, Shampoo oder Kokosnussmilch einreibt.

Es gibt viele Disziplinen beim Apnoetauchen, wie dieser Sport auch heißt. Streckentauchen, Tieftauchen, mit oder ohne Gewicht. Tauchen im Meer, in Seen, in Pools. Einige tauchen mit Monoflossen in die Tiefe, andere lassen sich von Schlitten in den Abgrund reißen. Der Österreicher Herbert Nitsch schaffte es so auf 214 Meter Tiefe. Über vier Minuten war er unten im Meer, mit nur einem Atemzug. Beim Versuch, seinen eigenen Rekord zu brechen, kam er fast ums Leben. Ein Gehirn auf Sauerstoffentzug. Beim statischen Apnoe hielt jemand in einem Pool schon zwölf Minuten lang die Luft an, reglos an der Oberfläche treibend.

Rekorde sind die eine Sache. Die meisten Freitaucher sagen, das tiefe Luftholen und anschließende Abtauchen komme vielmehr einer Form der Meditation gleich. Dem Sinkflug in einen inneren Frieden. Der Schwerelosigkeit. Viele tauchen mit geschlossenen Augen.

Einige wenige wagen den Flug unters Eis, und wenn sie die Augen da unten öffnen, sehen sie sehr schöne Bilder. Zersplitterte Muster aus gebrochenem Licht, Strukturen und Flächen kristalliner Kälte. Und dann kann man das alles eben noch im Bikini machen. Nur in seiner eigenen, seiner echten Haut.

Am nächsten Morgen, einem Dienstag, schreitet Amber mit ihrem Hamburger Begleiter Tolga Taskin hinaus auf den gefrorenen See. Amber steckt barfuß in grünen Crocs, trägt eine Badekappe und hält ihre Schwimmbrille in der Hand. Tolga läuft mit einer Videokamera hinterher. Er will alles filmen, das Training, den Rekordversuch, die Emotionen. Tolga ist in diesen Tagen hier oben in Finnland so etwas wie Ambers bester Freund, ihr Coach. Er macht ihr Mut, gibt Tipps. Tolga, 29, war in Ägypten schon auf 80 Meter Tiefe. Er weiß, worum es hier geht. 

Den Rekord im nahezu unbekleideten Freitauchen unter einer geschlossenen Eisdecke hält bei den Frauen seit vier Jahren Johanna Nordblad. Ihre Bestleistung liegt bei 50 Meter, und man muss das ein wenig einordnen, um zu verstehen. Nordblad, eine umtriebige Finnin mit braunen Haaren, die ihre Unterwasserausflüge gut vermarktet und perfekt verfilmt, nahm schon bei mehreren Weltmeisterschaften im Freediving teil. In Serbien tauchte sie mit Flossen über 190 Meter weit, das entspricht fast der Länge von vier Olympiabecken. Danach trainierte sie das finnische Nationalteam der Männer im Freitauchen. 

Nordblad hatte mal einen Fahrradunfall, eines ihrer Beine stand danach auf dem Spiel. Ein völlig verdrehter Knochen, die Wunde blieb lange offen, der Arzt verordnete ihr eine Kaltwassertherapie gegen die einsetzende Nekrose. Darum stieg sie eines Tages in den eiskalten See vor ihrer Haustür oben in den finnischen Wäldern und begann zu tauchen. Erst mit, dann ohne Neopren. Irgendwann bohrte sie zwei Löcher ins Eis und tauchte den Rekord. Im Badeanzug, ohne Flossen. Ihr Bein überlebte.

Vorhin, neben dem Holzhaus mit der Sauna, hatte sich Amber noch eine Zigarette angesteckt. Wie ein Geist zog der Rauch durch den dünnen Schnee, der fiel. Ihre Tabletten hat sie heute schon genommen. Damit der Kopf klar ist, der Abgrund in ihr selbst irgendwie überwindbar. Sie sagte, sie hätte jetzt schon länger nicht mehr getrunken. Na gut, neulich wieder ein bisschen. Vielleicht mal wieder ein bisschen zu viel. Aber sie würde diese 50 Meter schaffen. Auch die 51, vielleicht sogar die 60.

Tolga, der nebenan auf der Terrasse stand, sagte, sie hätte das Zeug dazu. „Amber“, sagte er, „ist eine Frau, die mit dem Kopf durch die Wand geht, wenn es nötig ist.“

Sie steht jetzt ganz nah vor dem kleinen dreieckigen Loch da draußen auf dem Eis, die Stelle ist etwa 50 Meter vom Ufer entfernt. Das Wasser im Loch hebt sich, senkt sich. Walfarben schwappt es in der Öffnung, als würde der See atmen. Zwei Sicherungstaucher sind bereits im Wasser, in sieben Millimeter dicken Neoprenanzügen, zudem wird Amber an einem Sicherungsseil tauchen. Sollte sie das Bewusstsein verlieren, der Kreislauf kollabieren oder das Herz gefrieren, würden sie Amber so schnell es geht zum nächsten Loch ziehen.

Sie nimmt ihren Kopf aus der Kapuze, setzt die Schwimmbrille auf, legt ihren Umhang ab. Ihr Bikini leuchtet in den Farben Südafrikas. So steht sie da im Frost. Barfuß, sehnig, kaum ein Gramm Fett. Sie scheint ruhig. Schlüpft ins Wasser, verzieht keine Miene. Hält sich an der Kante des Lochs fest, atmet ein, atmet aus, atmet wieder ein, gar nicht mal so tief, hält dann die Luft an, geht unter und taucht ab, und dann verschwindet unter der Eisdecke ihre Badekappe. Ein blauer Fleck, der sich langsam auflöst.

Sie ist jetzt weg. Vier, fünf Meter unter dem Eis. Stahlpresse. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt sie zum ersten Loch, 25 Meter, dort wird sie kurz sichtbar, wendet unter Wasser. Wenden kostet enorm viel Energie, sie muss die gleiche Strecke nun wieder zurücktauchen, im bunten Bikini, und hoffentlich denkt sie da unten an nichts, auch nicht an die Messer und Flaschen der Sicherungstaucher. Tolga rennt oben übers Eis, er will parat sein, filmt, positioniert sich am Einstiegsloch, wo sie irgendwann wieder ankommen müsste.

Noch eine kleine Weile. Dann erscheint sie im Loch. Es hat aufgehört zu schneien. Amber taucht auf, sagt nichts, bleibt noch etwas im Wasser. Ganz ruhig, ganz leise. Zieht sich aufs Eis, klettert raus, hängt sich den Umhang um.

Die 50 Meter hat sie schon beim ersten Training geknackt. Wer beim Streckentauchen einmal im offenen Wasser gewendet hat, weiß, dass da keine Beckenwand ist, an der man sich abstoßen kann. Der weiß, dass es Kraft kostet und man mindestens vier, fünf Meter dazurechnen kann. Aber natürlich zählt das nicht, um in das Guinness-Buch der Rekorde zu tauchen. Dafür muss es eine Strecke am Stück sein, offiziell vermessen. Es müssen registrierte Zeugen vor Ort sein, Kameras müssen das Ganze auch unter Wasser filmen, und der Rekordversuch hat an einem festgelegten Tag zu funktionieren. Muss, muss, muss. Es hat wenig mit Freediving zu tun.

Amber zittert nicht einmal. Sie lächelt, sie hat sehr gute Zähne. Tolga hält die Kamera drauf, aber dann legt er sie weg und umarmt Amber.

„Du hast es geschafft.“

„Es war nur Training.“

„War es schön da unten?“

„Ja, es ist sehr schön da unten.“

Der Päijänne-See liegt unter der finnischen Sonne wie eine Halluzination. Wie ein unbeschriebenes, schneeweißes Blatt Papier.

Am Abend essen die Freitaucher gemeinsam in der Hütte, sie schauen Filme, trinken Wasser. Null Bier, null Wein. Amber sitzt in der Ecke. Übermorgen soll der offizielle Rekordversuch steigen. Sie ist nervös. Sie weiß nicht, wie sie drauf sein wird, sie weiß das ja eigentlich nie. Es kann alles jederzeit kommen. Aber dann kommt es wie ein Sog. Und dann reißt es dich ganz runter, gefühlt bis auf den Grund des Marianengrabens. Da musst du dann erst mal wieder hochkommen.

Amber Fillary wurde 1972 in Kapstadt geboren. Schon als Kind ging sie viel ins Wasser, in die kleinen Lagunen von St. James Beach nahe Muizenberg. Sie liebte das, sie und ihre beste Schulfreundin. Den Strand, die Sonne, das Wasser. Dann zog die Freundin eines Tages einfach weg. Amber erlitt einen Nervenzusammenbruch, den ersten ihres Lebens, er kam wie aus dem Nichts. In der Junior Highschool schwamm sie weiter, erste Wettkämpfe, erhielt Abzeichen, Medaillen. Sie war jetzt 15, und dann wurde es in ihrer Familie „etwas chaotisch“, wie sie es heute, über 30 Jahre später, ausdrückt. Die Mutter brachte noch ein Baby zur Welt, der Vater machte sich vom Acker.

Über das Leben der jungen Amber legte sich das erste Mal eine Eisdecke, von der sie nichts ahnte. Sie aß nicht mehr, magerte ab, dann aß sie wieder und erbrach alles. So ging das weiter. Das Leben gefror, wurde kalt, wurde dunkel. Anorexie, Bulimie, diese Worte hörte sie nun. Das Wort Depression aber hatte noch niemand in den Mund genommen. Sie war ein schnell und gut schwimmender Teenager, doch mit 17 versuchte sie zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. Sie schnitt sich die Venen auf, kippte sich eine Überdosis Tabletten in den Hals.

Es ist wie gesagt keine einfache Geschichte mit Amber Fillary. Aber wie soll es das auch sein, wenn du schon im Teenageralter am Abgrund einer ernsthaften Depression stehst?

Bald darauf, an der Uni, sie studiert Kunst, beginnt sie zu trinken. Sie wechselt das Fach, will Schmuckdesignerin werden, weil im Leben eines Depressiven nichts stabil ist. Sie isst nicht, schrumpft zu einem Strich, landet das erste Mal in einem Rehabilitationszentrum. Sie trinkt weiter, bekommt mit 21 Jahren Tabletten gegen den Alkoholismus verschrieben. So geht das weiter, ihr Leben ein „blur“, wie sie sagt. Ein Nebel.

Eine Flasche Wein geht runter wie nichts. Dann die nächste. Hoch, runter. So taucht sie durchs Leben. Mitte 22 wacht sie eines Morgens auf. Geschlossene Psychiatrie. Keine Gabeln, keine Messer. Sie zieht später nach England, studieren, feiern, jobben, abstürzen, aufstehen. Sie geht zu den Anonymen Alkoholikern. Einmal ist in einer der Runden Eric Clapton mit dabei; sein vier Jahre alter Sohn Conor war aus dem Fenster eines New Yorker Apartments gestürzt.

Amber kehrt zurück nach Südafrika, zieht hin und her, ist mal oben, mal unten. Sie arbeitet als Bademeisterin, als Nanny, schwimmt, studiert, bricht ab. Mal wieder in der Reha, lernt sie ihren späteren Mann kennen. Der trinkt auch, sie heiraten. Bis auch das entgleist und er versucht, sie zu erwürgen. Er wird sich später zu Tode trinken. Hoch, runter, hoch. Runter. So geht das über all die Jahre, weil dich, wenn es wirklich schlimm ist, der Strudel nicht mehr loslässt.

Das Fazit von Amber Fillarys Leben, heute: Mehr als zwölf Jahre war sie clean, bis 41. Fast drei Jahre hat sie in Entzugsanstalten und Rehabilitationszentren verbracht. Zwischendurch startete sie bei Triathlons, schwamm stets weiter, hielt in einem Pool sechs Minuten die Luft an und stellte drei südafrikanische Rekorde im Freitauchen auf. Sie sagt: Redet über Depressionen, schweigt sie nicht tot. Sie sagt: Lass dir von Depression und Sucht nicht deine Träume nehmen. Wenn es geht, malt sie. Blaue Flächen, Rinnsale, Analogien des Wassers. Ein Leben zwischen Trunksucht und Erbrechen, zwischen Absturz und Höhenflug. Amber Fillary weiß, was Kraft bedeutet.

Abends sitzt sie oben in Finnland noch auf der Couch. Sie schläft meist spät, kann schlecht schlafen, steht früh wieder auf. Dann fängt sie an, Kaffee zu trinken. Es ist ein zittriges Leben. Ein Gang über Pergamentpapier.

Morgen soll der Rekordversuch steigen. Amber, auf der Couch, sagt: „Water is my happy place.“ Wenn sie im Wasser ist, geht es ihr gut. So war das schon immer. Sie lächelt. Ein weißes Lächeln. Die Bulimie, die Säure des ständigen Kotzens, hat sie früh ihre gesamten Zähne gekostet. Da sah sie aus wie eine Vogelscheuche. Das wenige Geld ihres verstorbenen Mannes reichte gerade, um alles neu zu machen. „Mein Mund ist das teuerste in meinem Leben“, sagt Amber. Dann geht sie schlafen.

Ein schneidend kalter Wind faucht am nächsten Tag über den See. Sechs Löcher haben sie ins Eis gebohrt, Flaschentaucher die Strecke unter Wasser mit Leinen und Orientierungsmarken abgesichert. Es sind viele Leute zugegen. Überall Handys, Kameras, Filmcrews.

Amber wartet in der Hütte am Waldrand. Sie ist schon im Bikini. „Ich muss meinen Kopf frei kriegen.“ Im letzten Jahr hatte sich noch mal einiges addiert. Ein Zusammenbruch im Herbst, ein Psychiater, der ihr neue Pillen verschrieb. Eine Lungenentzündung, ein gebrochenes Fußgelenk. Kurz vor Weihnachten 2018 hatte sie das erste Mal wieder über Selbstmord nachgedacht. 

Dann geht am Päijänne-See nördlich von Helsinki alles sehr schnell. Sie kommt aus der Tür und marschiert runter aufs Eis, nimmt den Umhang ab, setzt die Schwimmbrille auf, kniet kurz vor dem Loch. Sie taucht ein und schließlich ab – und verpasst ihre Chance auf den Eintrag ins Buch der Rekorde. 

Bei 40 Metern kommt Amber hoch. Ein Seil hat sich verheddert, die Kamera, die man bei solch offiziellen Krönungen hinter sich her ziehen muss, war im Weg und bremste. Der Karabiner hing schräg, ratschte am Seil entlang. Es ist kein guter Tag. Es ist ein Scheißtag. Ein Tag, der mit der Idee des Freediving wenig zu tun hat und schon gar nichts mit der Geschichte der Amber Fillary.

Auf einen zweiten Versuch verzichtet sie. Da sind die Teufel im Kopf und die fragilen Pfade, die hinabführen in das, was man einen kurzen inneren Frieden nennen könnte. Auch beim zweiten Trainingstauchgang hatte sie gestern die 50 Meter geschafft. Mit Wende, ohne Wand. Jetzt will sie nicht mehr. Das große Buch der Rekorde und die Jagd danach hat mit Schwerelosigkeit wenig zu tun. Freitauchen bedeutet mehr ein Loslassen als ein Grapschen.

Nachmittags geht Amber noch mal auf den See, aufs Eis. Es sind kaum Leute dort, ihr bunter Bikini leuchtet wie ein Fetzen Bonbonpapier auf einer schneeweißen Tischdecke. Nur eine andere Freediverin, in Neopren, ist mit dabei. Die beiden tauchen ab durch das Loch. Drehen sich, schwimmen über Kopf, spielen. Die oben Zurückbleibenden können erst später auf dem Filmmaterial erahnen, wie es da unten ist. Ein mucksmäuschenstiller Weltraum, erfüllt von blaugrauem Licht. Schwebende Luftblasen. Risse, Kreise, Linien, Fragmente. Die hypnotischen Bilder des Eises. 

Amber dreht sich um, segelt eine Weile kopfüber unter der Eisdecke dahin. Ein Fisch in der Stahlpresse.

Vollgas durch Indien

Wer mit dem Tuktuk durch den Subkontinent brettert, wird vom Trubel der Straße mitgerissen – wenn er nicht auf der Strecke bleibt

Erschienen in der "Zeit"

 

Der Tod fährt auf Indiens Straßen immer mit, kurz vor Panjim ist er nur noch Zentimeter entfernt. Ein Tanklastwagen schert aus und rast frontal auf uns zu. Der Truck donnert an zwei Radfahrern vorbei, nimmt fast einen Kokosnussstand mit, zwei Wasserbüffel und eine Frau, die auf dem sandigen Seitenstreifen geht und einen Plastikeimer auf dem Kopf balanciert. Jähes Ausweichen nach links, wegducken! Haarscharf rasiert der Laster an uns vorbei, als Gruß bekommen wir eine Dusche heißer Dieselabgase ab. 

Um uns herum brüllen die Hupen, rotzen die Auspuffrohre. Wir stecken mit unserer Motorrikscha mitten in einem Knäuel wild überholender Fahrzeuge. Uwe Naßler sitzt am Lenker und fährt Höchstgeschwindigkeit, knapp 60 km/h. Nach mehreren Schlaglöchern ruft er in den Fahrtwind: »Irgendwie macht die Rikscha heute andere Geräusche, da rattert was!« Janos Bugler sitzt hinten. Er blickt von der Landkarte auf, lauscht, schreit zurück: »Egal, fahr einfach weiter!«

Die beiden haben eine heitere Reise angetreten. Vollgas durch die stinkenden Nervenbahnen Indiens. Ein Rennen über 3000 Kilometer, von Rajastan im Norden bis Kerala im Süden. Ohne Reiseleiter, ohne Vollkasko, ohne Helm. In Goa durfte ich zusteigen, um sie auf den letzten 900 Kilometern zu begleiten. Unser Gefährt: eine »Rickshaw«, auch Tuktuk oder Three-Wheeler genannt. Ein klappriges, zu den Seiten offenes Dreirad der Marke Bajaj, 7-PS-Zweitakt-Motor, Handschaltung, keine Anschnallgurte, dafür mit Sonnendach ausgestattet. Vorn sitzt der Fahrer, hinten haben zwei Passagiere Platz. In Asien ist es das Taxi der kleinen Leute. Bugler, zuletzt Manager in einem Bioeis-Laden in Bremen, spricht von einem „bestenfalls bestuhlten Rasenmäher“. Darin Langstrecke zu fahren muten sich nicht einmal die Inder zu.

Er und Naßler haben sich für das Rennen einen Teamnamen gegeben, auf ihrer wasserblau bemalten Rikscha steht »Brothers Tuktuk«. Knapp hinter ihnen fahren die »Aqua Boyz« in ihrer Rikscha. Darin sitzen Alex Bachinger, 31, er verkaufte kürzlich sein Geschäft für Graffiti-Bedarf in Hamburg und macht das Rennen als Auftakt zu einer langen Asienreise mit. Vor ihm klemmt Harry Schunck am Lenker, 30 und Meeresbiologe. Sein Spezialgebiet sind eigentlich Blaualgen, am liebsten weilt er auf Forschungsschiffen. 

Die vier Freunde kennen sich seit der Schule, sind damals mit dem Zug durch Europa. »Das hier ist eine Next-Level-Interrail-Erfahrung«, ruft Naßler, 31, nach hinten. »Und wenn schon Indien, dann richtig!« Naßler wohnt in Pisa, arbeitet dort als Mediengestalter. Mindestens einmal am Tag muss er seiner italienischen Freudnin ein Foto vom iPhone schicken. Ein Zeichen, dass er noch lebt. Auf die Frage, warum sie sich diese Tour antun, sagt Bugler, ebenfalls 31: »Abenteuer.« Er trägt schwarzes Sportcappy, kurze Hosen, Latschen und ist so etwas wie der Logistikboss der Truppe. 

Durch die Gassen von Panjim streicht eine linde Brise, als wir abends durch die engen Straßen von Goas Hauptstadt manövrieren. Portugie-sische Kolonialbauten und weiße Kirchen lugen hinter dichten Palmen hervor. Schneider, Apotheker, Gewürzhändler stehen mit nackten Oberkörpern vor ihren Läden, neben den Tuktuks sausen Lotterieverkäufer, spazieren Frauen unter Sonnenschirmen. Krähen sitzen zu Hunderten auf den Stromleitungen, die den Himmel von Panjim durchziehen wie Spinnennetze. 

Wir übernachten in einem windschiefen Hotel am Stadtrand. Das Prozedere ist jeden Abend das gleiche. Taschen von den Dachgepäckträgern der Tuktuks schnallen, duschen, essen, ein, zwei Bier trinken. Mit Moskitocreme eingeschmiert fallen die Vier ins Bett. Unter der Decke torkelt die ganze Nacht ein Ventilator.

Um sechs Uhr morgens scheucht Bugler die Jungs aus den Betten. Fast 2000 Kilometer haben sie hinter sich, müssen aber weiterhin jeden Tag acht bis zehn Stunden durchhalten, sich oft abwechseln, um das Pensum zu schaffen. Nachts vermeiden sie das Fahren, es ist zu gefährlich. Schon tagsüber sei mit allem zu rechnen. Bananenschalen, Colaflaschen und zerschlissene Sonnenschirme flögen einem mitten auf der Straße entgegen. »Die Inder schmeißen alles aus den Autofenstern.«

Die Fahrt aus der Stadt gleicht dem Sog in einen Trichter. Alles, was Räder besitzt, röhrt und schleppt sich zu den großen Landstraßen. In den Kreiseln schießen die Fahrzeuge von allen Seiten heran, komprimieren, verquirlen sich. Schrotthändler säumen den Weg, Barracken, mit Bonbontüten und Spielzeughelikoptern behangene Krämerläden, uniformierte Schulkinder, Greise, geschlachtete Hühner und brennende Müllhaufen. »Indien hat von allem, und davon viel«, sagt Naßler. Er hockt auf der Rückbank der Rikscha und lässt den unglaublichen Film an sich vorüber ziehen.

Erst nach einer Stunde biegt der National Highway 17 nach Süden ab und führt ins ländliche Indien. Leuchtend grüne Reisfelder öffnen sich, hier und da sitzen Händler vor ihren Verschlägen, pressen Zuckerrohrstangen aus, verkaufen Wassermelonen und Bethelnüsse. Steil steht die Sonne über den Kokospalmen, es wird heißer und schwüler.

Bugler sitzt breitbeinig am Lenker, er hat sich seinen iPod in die Ohren gestöpselt und hört bei voller Fahrt Hiphop. Das Steuern des Tuktuks käme einem Videospiel gleich, meint er. »Ein permanentes Heizen durch düstere Unterwelten, mit allen erdenklichen Schikanen.« Als ich am Nachmittag wage, einmal das Steuer zu übernehmen, merke ich, wie heikel die Manöver sind. Kaum am Lenker, muss ich einem taumelnden Ochsenkarren ausweichen. Ich lenke zu stark ein, prompt hebt das rechte Hinterrad des Tuktuks ab. Bremsen nützt aber auch nichts. Sofort werden wir abgedrängt und brutal überholt. Bugler lehnt sich zu mir nach vorn. »Da hilft nur eins«, schreit er. »Du musst noch schlimmer fahren als die Inder!«

Vor über einem Jahr hörte er von »The Rickshaw Run«. Es blieben da noch genau drei Stunden, um sich fristgerecht anzumelden und die Startgebühr von 1000 britischen Pfund zu zahlen. Bugler rief seine Kumpels an. Eine Stunde später stand fest: »Das machen wir.«

Der englische Veranstalter »The Adventurists« ruft zu Eskapaden dieser Art auf. Neben dem Rikscharennen auch zu halsbrecherischen Autorennen von England in die Mongolei, durch Südamerika und ins winterliche Sibirien. Die Organisatoren könnte man als eine touristische Monty-Python-Bande beschreiben, mit zelebrierter Abneigung gegen jede Form des Pauschalreisens. So ist auch diese Tour eher ein gewollter Trip ins Chaos, mit garantierten Pannen und Katastrophen.

Dass dies nicht ungefährlich ist, kündigen »The Adventurists« auf ihrer Internetseite deutlich an. Unter »Warning« steht, dass die Chancen, schwer verletzt zu werden oder zu sterben, »hoch sind«. Teilnehmer anderer Abenteuer dieser Art hätten ihr Leben gelassen. 72 Teams haben sich für das Rikscharennen durch Indien gemeldet, vornehmlich Europäer, Australier, Amerikaner. Jede Mannschaft bekommt ein Tuktuk und hat zwei Wochen Zeit bis Cochin. Wer als erster ankommt, spielt keine Rolle. Hauptsache, man kommt überhaupt an. 

Route, Unterkünfte, Werkstätten, Hilfe? Die Teams sind völlig auf sich gestellt. Nur ein Handbuch mit einigen Reisetipps und drei Zettel haben alle am Start erhalten. »Willkommen, mutige Teams«, steht dort. »Wenn ihr euch am Start registriert, prüfen wir noch einmal, ob ihr wirklich verrückt genug seid für diesen Trip.« Die Rikschas beschreiben die Veranstalter als »mechanische Farce«, als »motorisiertes Equivalent zu einem Paar alter Socken«. Mit Bruch sei defintiv zu rechnen. Die minimalen Reiseunterlagen schließen lakonisch: »Fahrt langsam. Fahrt sicher. Hupt oft. Amen.«

Mit diesen Worten wurden auch die vier deutschen Freunde ins große Indien entlassen. Und sie sind auch noch in sozialer Mission unterwegs. Mindestens 1000 britische Pfund muss jede Tuktuk-Mannschaft sammeln und spenden, vorab sollten die Teams Sponsoren finden. Die Gelder gehen an die Organisation FrankWater, die sich für die Wasseraufbereitung in Indiens Slums engagiert. Die »Brothers Tuktuk« haben eigens Flyer drucken lassen, um Verwandte, Freunde und Kleinunternehmen zu Hause um Geld zu bitten.

Nach elf Tagen erreichen die Vier Karnataka. Die restlichen Teams haben sich längst verteilt, fahren irgendwo durch Indien. Wir machen den täglichen Mittagsstopp in einem klebrigen Nest namens Bijur, der Motor der Rikscha muss abkühlen, die Jungs wollen etwas essen. Kaum steht das Tuktuk, kommen acht Kinder angelaufen, beugen sich ins Innere und kreischen uns freudig an. Weitere Kinder stürmen herbei, Männer und Frauen bleiben stehen, die Menschentraube zieht immer mehr Schaulustige an. Drei Weiße, die in einem Tuktuk mitten in der indischen Walachei halten, grenzen an eine Landung von Außerirdischen.

Vor der Winschutzscheibe tauchen noch mehr Körper auf, mit Sandelholzketten behangene Pilger, die uns anglotzen. Die Rikscha ist umzingelt von einem Wall dunkler Leiber. Durch einen Spalt presst sich ein Kinderkopf, der Junge mit Punkt auf der Stirn sieht Naßlers Kamera, ruft: »Picture, picture! «

Bugler arbeitet sich als erster aus dem Tuktuk. Mit einem Pulk johlender Göhren im Schlepp steuert er eine Süßigkeitenbude an, steht vor Bananenkuchen, Schokotorten, Weißbrotstapeln und Chipstüten. Bugler isst gern, bestellt. Zehn Minuten dauert es, bis er mit seinen Tüten wieder im Tuktuk sitzt. Die Kinder rennen uns noch hinterher, als wir Gas geben.

Am Abend stoppen wir in Gokarne, einem weitläufigen Ort am Arabischen Meer, die neueste Enklave der Rucksacktouristen und Neohippies. Die Vier nehmen ein Bad in den Wellen, um sich den täglichen Schmutzfilm von der Haut zu waschen. Felsen glänzen in der Brandung, die Strände groß und leer. Aus dem nahen Wald singt ein Papagei, zwei Fischer sitzen auf den Steinen, schweigen aufs Meer. Ein himmlischer Moment. 

In einer verlassenen Bar südlich des Orts sitzen die Vier beim Abendessen, bestellen gebratenes Hühnchen mit Pommes. Nach einer Stunde kommt der Kellner, serviert Fischhäppchen in einer höllisch scharfen Massala-Sauce. Auf die Frage, was mit dem Huhn ist, sagt der Kellner: „No problem, Sir, good fish.“ Bugler winkt ab, fängt schon mal an zu essen.

In der Ecke der Bar tauchen plötzlich drei Inder mit Turbanen auf. Harry Schunck sagt: »Hello, how are you?« Die Inder wackeln mit den Köpfen, grinsen. Eine Stunde stehen sie wortlos direkt neben dem Tisch und schauen uns frontal beim Essen zu. »Frag’ niemals nach dem Warum«, sagt Alex Bachinger. Der Spruch ist längst zum Running-Gag geworden, wenn Indien mal wieder über alle Erklärungsversuche hinauswächst.

Später planen die Freunde die nächste Etappe, ein schneller Blick auf die Karte, ein kurzes Bemessen der möglichen Tagesdistanz. »Schlimmer als die ersten Tage kann es eh nicht werden«, sagt Bugler und führt sich eine Flasche warmes Kingfisher-Bier an die Lippen. 

Der Maharadscha von Rajastan hatte die Teams am 1. Januar persönlich über die Startlinie in Jaisalmer gewunken, gleich zu Beginn folgten üble Streckenabschnitte. In Rajastan war es kalt, morgens trugen sie drei Pullis übereinander. Der nächste Staat Gujarat sei der »schmutzigste, Ankleshwar die dreckigste Stadt ganz Indiens« gewesen. Schwerindustrie, Steinklopferhöllen, Smog. Wegen der bleihaltigen Luft wickelten sich die Vier Tücher um Nase und Mund, sahen aus wie die Bankräuber.

Bis Maharaschtra, kurz vor dem Speckgürtel Mumbais, litten alle abwechselnd am »Delhi Belly«. Magendarm, Krämpfe, Erbrechen. »Wir mussten immer wieder unsere Köpfe aus der Rikscha hängen.« Später gaben die Tuktuks mehrfach ihren Geist auf. Defekter Auspuff, gerissene Handbremse, verstopfter Vergaser. Den »Aqua Boyz« fällt später sogar der komplette Tank ab. 

Als im Süden Karnatakas ein Reifen platt ist, halten sofort zwei Autos. Mehrere Inder steigen aus, fragen, ob wie Werkzeug bräuchten. Sie helfen, das Tuktuk hochzustemmen, ein weiterer Mann, der hält, schraubt von seinem Wagen sogar eine Mutter ab, um sie uns zu leihen. Die Pannen offenbaren Indiens größtes Wunder, seine Wärme und Herzlichkeit inmitten von Armut und Staub. Die Menschen packen mit an, irgendeine Lösung finden sie immer. »Indien ist ein einziges Improvisationstalent«, sagt Harry Schunck.

Noch 400 Kilometer bis Cochin. Um sieben am Morgen besteigen die Vier die Tuktuks für die letzten beiden Tage. Alex Bachinger ist auf Seite 782 seines Schmökers, er verzieht sich gleich nach hinten, liest während der Fahrt. Nach zwölf Tagen Indien hat er genug von dem Lärm und Gewusel. Das Sitzen auf der harten Rückbank nervt, die Schlaglöcher fühlen sich inzwischen an wie Tritte in die Wirbelsäule. »Weck’ mich, bevor es kracht«, sagt er zu seinem Piloten. Harry Schunck lässt den Motor an, gibt Gas.

Kaum wieder auf Achse, beginnt das tägliche Roadmovie. Kurz hinter Udipi flitzt eine Affe über die Straße, später schaukelt ein Elefant durch den Strom an Mopeds und astmathischen Trucks. Doch tagelang durch den Verkehr zu fließen bringt einem Indien näher, macht es begreifbarer. Die Straßen sind die Lebensadern dieses Landes, in dem 1,3 Milliarden Menschen leben. Über die Straßen wird alles transportiert, über sie gelangen Waren, Güter, Ersatzteile, Rohmaterialien und Lebensmittel bis in die letzten Ritzen. Benzin, Öl, Wasser, Tomaten, Eier, Hühner, TV-Geräte und Reissäcke stapeln sich auf den Lastwagen; Wanderabeiter, Pilger und Geschäftsleute füllen die mächtigen Ashok-Leyland-Überlandbusse.

Auf und an den Straßen geschieht alles. Unzählige Zuarbeiter haben sich hier angesiedelt, Reifendienste, Schweißer, Metallarbeiter. Absteigen und Hotels für die ewig Fahrenden säumen die Piste, Restaurants, Kioske, Salatverkäufer, Tempel und Hinduschreine für das Gebet beim Quick-Stop. Die Straßen sind die Blutbahnen, die den Zyklopen versorgen und am Leben halten.

Am Morgen nach der letzten Übernachtung fluchen die Jungs über schmutzige Bettlaken, Flöhe und faustgroße Kakerlaken. »Wir hätten das Hotel für acht, nicht das für fünf Euro nehmen sollen«, sagt Alex Bachinger. Er hat sich einen indischen Schnauzbart stehen lassen, bereits leicht um die Mundwinkel gebogen. Bugler sagt, er solle nicht jammern, sondern lieber sein Handy anschalten, falls sie sich auf der letzten Etappe doch noch verlieren sollten. Es folgen dreizehn Stunden Fahrt durch 32 Grad heiße Luft, ein Ritt über staubigen Asphalt, vorbei an ärmlichen Dörfern, grünen Flüssen, rostigen Tankstellen und bunten Hindutempeln. Die nie abreißende Kakophonie Indiens.

Es ist dunkel, als wir uns Cochin in Kerala nähern, zwei Stunden dauert allein die Fahrt ins Zentrum, und an diesem Samstag-abend schwillt die Stadt zu einem grellen Getöse an. Hunderte Hari-Krishna-Jünger tanzen auf einer abgesperrten Straße, Polizisten stehen wie lebende Ampeln auf den verstopften Kreuzungen, im Dunst zweier Moscheen blinken haushohe Werbebotschaften, und unten am Marine Drive legen schwankende Fähren nach Fort Cochin ab.

In unserem Tuktuk sitzt Naßler seit fünf Stunden am Lenker, Bugler kauert hinten, schweigt, studiert die Karte. Nur noch ein Bett finden, waschen und dann zur großen Abschlussparty. Um acht Uhr abends parken die Vier die beiden Tuktuks vor einem Hotel im Zentrum, steigen aus und schlagen sich in die Hände. 

Bugler ist schweißgebadet, blickt feixend auf seine dreckschwarzen Fingernägel. „Heute abend gibt’s eiskaltes Bier, meine Herren, und davon viel, das wir haben wir uns verdient“, sagt er, als die Vier im Fahrstuhl stehen. Eine Stunde später nehmen die Freunde ein Taxi, sie sind frisch geduscht, tragen die letzten sauberen T-Shirts.

Vor dem Boghatty Palace wirbeln Feuerschlucker und dröhnt Elektromusik, ein Büffet ist aufgebaut, vor dem Pult steht »Matt«, alle nennen ihn so, den Cheforganisator der Rallye. Der Brite Matt hat eine bleiche Gesichtsfarbe, ist dünn, trägt lange schwarze Hosen, schwarzes Leinenhemd, weiße Schuhe. Sein rasierter Schädel blitzt, zwischen seinen Fingern klemmt eine mächtige Zigarre.

»Ihr seid unglaublich, ihr seid total irre, ihr seid großartig!«, ruft er ins Mikro. Tosender Applaus. Tatsächlich sind nach zwei Wochen über 50 Teams angekommen, der Rest wird in den nächsten Tagen eintrudeln. Matt gibt die Spenden bekannt, einige Teams haben über 3000 Pfund gesammelt. Die Menge der »Rikscha-Runner« jubelt. Das Büffet ist eröffnet.

Über Cochin hängt eine schwüle Nacht, auf dem Rasen des Hotelpalasts tanzen sie bis vier Uhr morgens, Amerikaner, Australier, Briten liegen sich in den Armen, es laufen Sommerhits aus Ibiza und den globalen Charts, »Living la Vida loca«. Die deutschen Jungs stehen am Pool, der Meeresbiologe Schunck steigt klitschnass aus dem Wasser, schnappt sich sein Bier.

Naßler simst seiner Freundin, Bugler klopft einem Franzosen auf die Schulter. Das Abenteuer war groß, 3000 Kilometer Indien wirken. Bugler spricht resümierend von der vollen Dröhnung, einer »Nahtoderfahrung, bei der man sich mindestens eine Diesellunge einfängt«. Ob er so einen Trip noch mal antreten würde? Sicher, warum nicht. Vielleicht mit dem Auto nach Sibiren. Da würde man nicht so verdammt schwitzen.


 

Die Bombenwelle

Vor dem kleinen Nazaré wagen Surfer Teufelsritte auf den höchsten Wellen der Welt. Was eine Email harmlos ins Rollen brachte, ist zum Geschäft mit dem Nervenkitzel geworden

Text & Fotos Marc Bielefeld

 

Morgens um sieben rollen die Brötchenwagen durch die Gassen von Nazaré, am Sítio, in der Altstadt oben auf den Felsen, poltern die Rollos der Gemüseläden hoch und sitzt der Chef vom Café „Cores e Sabores“ vor seinem Croissant und liest die Zeitung. 

 Wellen? Ach, die Wellen. Vielleicht wird es welche geben, vielleicht auch nicht. Mit den „Ondas“ sei es immer so eine Sache. Das sagt der Mann, der leicht nach Haarwasser duftet, in seinen dunklen Herrenschuhen und dem grobkarierten Wollpollunder; er beugt sich lieber über den Sportteil. Ein Schiedsrichter hat im Spiel von Benfica neulich Riesenmist gebaut, ein Skandal, der deutlich schwerer wiegt als eine 500.000 Tonnen schwere Wasserwand. 

 O mar, sagt der Boss. Das Meer ist das Meer. Neben seinem Galão qualmt die Zigarette.

An den Wänden des kleinen Cafés an der Travessa Bartolomeu hängen signierte Fotos. Ein Garret McNamara schaut da von der Wand, daneben ein Brasilianer, der sich „Koxa Bomb“ nennt. Koxa heißt auf Portugiesisch Oberschenkel, Keule. Manchmal sitzen sie genau hier an den kleinen Tischen des Cafés. Die Heroen, die modernen Herkulesse der Meere. Sie warten dann auf das, was kommt, vielleicht auch nicht kommt. Sie trinken Tee. Es sind auf den Fotos auch die Wellen zu sehen, um die es in diesem kleinen Nazaré nunmehr geht, ob die Alten es wollen oder nicht. Wellen wie gefräßige Hochhäuser. Die Kaffeemaschine röchelt. Patricia, die Frau am Tresen, verkauft süße Teilchen. Vanille-Natas, kleine Empanadas für achtzig Cent das Stück.

Portugal, ein weißer Ferienort am Meer. Eigentlich alles ganz normal hier. Würde dieses Nazaré in den Wintermonaten, wenn alle Bedingungen stimmen, nicht zu einer Art römischen Arena mutieren. Zu einem Schauplatz, gegen den jedes Fußballstadion in gewisser Hinsicht ein Witz ist. Beim Fußball droht keiner zu ersaufen. Da wird keiner bei lebendigem Leib vom Meer zerfetzt.

Aber nun hat Nazaré die Tragödie entdeckt.

 

Unten an der Promenade vor der weiten Bucht hängt schon jetzt ein feiner Schleier salziger Gischt in der Luft, und unweit der Rua dos Banhos, gleich hinter der blaugekachelten Kirche am Meer, liegt André Santos in seinem Bett und erwacht langsam. Er geht in die Küche, kann die Brandung von dort schon hören. Als nächstes schnappt er sich sein Handy, schaut, wie jeden Morgen, in die einschlägigen Apps der Wellenvorhersagen. Santos macht den Surfshop hier in Nazaré, er ist einer der Locals der frühen Tage, und selbst wenn die Morgenschlagzeilen vermeldeten, dass Trump den Mond bombardierte, würde ihn das im Moment weniger tangieren als eine perfekte Welle, die in der südlichen Bucht bricht oder sich womöglich am Praia do Norte erhebt.

Dort, an dem inzwischen berühmten kleinen roten Leuchtfeuer auf den Felsen, vor dem sich das Meer zu „Bomben“ hochschaukeln kann. Zu Wasserwalzen, die 20, 25, manche sagen sogar 30 Meter hoch werden können. Die kleine Stadt Nazaré am Atlantik, anderthalb Stunden nördlich von Lissabon, eine Disco, sechs Bars, 14.000 Einwohner, kennt diese unfassbaren Wellen, seit sie denken kann. Seit die Fischer im wütenden Meer ertrinken und die Heilige Maria oben in der alten Kapelle Richtung Ozean blickt.

Aber seit 2011, seit der Amerikaner kam und eine dieser Riesenrutschen aus rasendem Salzwasser das erste Mal leibhaftig surfte, ist Nazaré nicht mehr nur die Stadt der Fischer, der Ferienort am Meer. Seit dem Ritt des Garrett McNamara hat Nazaré auf Millionen Handys die Runde gemacht, ist in sämtlichen Surfmagazinen und internationalen Abendnachrichten erschienen: als die Stadt mit den höchsten Wellen der Welt – Wellen, die Surfer am Praia do Norte wirklich abreiten und bisher sogar überlebt haben.

Um halb neun steht André Santos unten am Strand und schaut unter seiner Daunenkapuze aufs Meer. Es nieselt bei neun Grad, der Morgen grau und schal. Nein, hier laufen keine glasgrünen hawaiianischen Wellen wie jene vor Pipeline, Jaws, Haleiwa. Auch bricht hier kein gestochen scharfes Biest wie jene wunderschöne cleane Killerwelle vor Tahiti, der sie den Namen Teahupoo gegeben haben. Vor Nazaré bricht vielmehr, was man kalten Angstschweiß nennen könnte. Ein ozenanischer Kanonenschlag, den sie nicht umsonst als Bombe bezeichnen, wenn er denn kommt. 

Ein Abgrund aus Wasser. Schnell, chaotisch, unberechenbar. Es bilden sich, wenn die nötigen Parameter zusammentreffen, drei Peaks. Der südlichste ist der schlimmste. Der höchste, der schönste, der tödlichste. Die Welle bricht an dieser Stelle sehr nah an den Felsen, kurz vorher holt sie fast lotrecht aus und türmt sich an ihrem höchsten Punkt anschließend auf wie zu einer trapezförmigen Kapuze. Dann kollabiert die Welle zu einer Linken. Schlägt auf alles, was sich ihr in den Weg stellt, mit einer Macht von gut und gern tausend Kilonewton pro Quadratmeter ein. Das entspricht etwa dem Zehnfachen jener Kraft, die auf einen menschlichen Körper einwirkt, wenn dieser im Auto mit hundert km/h frontal gegen eine Wand fährt und Anschnallgurt und Airbag ihn zermalmen wollen.

Foto der Welle: Rodrigo Koxa by Rafael Alvim

 

Garret McNamara, der schnittige Großwellendompteur aus Hawaii, hat Nazaré einmal so beschrieben: „Du nimmst die Monsterwelle von Jaws auf Maui, die Steilwände von Mavericks in Kalifornien und den Shorebreak von Waimea Bay auf Oahu, du setzt sie allesamt auf Steroide und wirbelst anschließend alles zusammen. Dann hast du die Welle von Nazaré.“

André Santos blickt aufs Meer. Er steht am Point vor seinem Apartment, am Sockel des großen Felsplateaus. Er ist eigentlich Body Boarder, mag Wellen bis vier, fünf Meter. Weil er das Revier jedoch sehr gut kennt und seit Jahren vor Ort lebt, arbeitet er inzwischen als Security Coordinator im Team von Sebastian Steudtner, der sich als deutscher Profi im Big-Wave-Zirkus anschickt, die höchsten Wellen des Planeten zu reiten. Steudtner hat vor einigen Jahren eine 22-Meter-Wand vor Nazaré gesurft, nun jagt er der 25-Meter-Marke hinterher.

Die Höhen der gerittenen Wellen lesen sich inzwischen wie ein Zahlensalat der Superlative. McNamara meisterte 2011 einen 78-Fuß-Koloss (23,77 Meter). Das war lange der offizielle Rekord. Bis der Brasilianer mit dem Spitznamen „Koxa Bomb“ kam, die Oberschenkelbombe, und die Marke am 8. November 2017 auf 80 Fuß (24,38 Meter) hochschraubte. So steht er im Guinness-Buch der Rekorde, derweil immer wieder Fabelritte durch die Medien geistern. McNamara soll schon vor Jahren eine 30, der Brasilianer Hugo Vau gar eine 35 Meter hohe Welle gesurft sein. Offiziell aber ist die 100-Fuß-Schwelle (30 Meter) noch nie erreicht worden. Unbestritten hingegen ist: Sämtliche Superwellen dieser Ausmaße liefen vor Nazaré.

Es ist nicht ganz einfach, in den oberen Etagen der Big- Wave-Statistiken zu landen. Viele Faktoren müssen zusammenspielen. Der Mensch, die Technik, vor allem: die Natur. Die Show vor Nazaré kannst du nicht mal eben anpfeifen, und los geht’s. Das geht vielleicht beim Fußball. Hier geht es um Gottgewalten.

Direkt vor der Landspitze am Leuchtturm endet der „Nazaré Canyon“. Ein Tiefseegraben zwischen der eurasischen und afrikanischen Kontinentalplatte, der aus einer Tiefe von 4900 bis auf 50 Meter jäh emporsteigt und die vom offenen Ozean heranwogenden Wassermassen wie eine Düse komprimiert. Trifft nach einem Sturm im Atlantik eine massive Dünung auf diesen Abschnitt des Kontintentalsockels, wirkt die Schlucht wie ein Teilchenbeschleuniger. Die Wellenlängen reduzieren sich, die Wassermassen laden sich mit Energie auf. Nazaré aber beherrscht noch einen weiteren Spezialeffekt. Die langsameren Wellen auf dem Sockel treffen auf die schnelleren im Canyon, schaukeln diese abermals empor, hinzu kommen brachiale Strömungen am Ufer, bis die geballten Kräfte das herangallopierende Meer dorthin aufbäumen, wo es auf den geringsten Widerstand trifft: nach oben, gen Himmel.

Santos starrt auf sein Handy, vergraben in seine Daunenjacke. „Vielleicht kommt was“, sagt er. „Morgen oder übermorgen.“ 

Santos ist kein Freund großer Worte. Er zeigt lieber aufs Display. Die Vorhersage prophezeit eine Dünung von vier bis fünf Meter. Hinzu muss nun noch eine Wellenperiode von mehr als 13 Sekunden kommen, der Wind nicht zu schwach, nicht zu stark wehen. Am besten ablandig, aus Nordost bis Ost. Aber dann springt der Nord-Canyon an. Der Wellengenerator von Nazaré. 

Am Ende jedoch weiß niemand, wann was kommt. Nicht einmal all die Messbojen, Rechenmodelle und Satellitenbilder. Wann es in Nazaré kracht, wissen letztlich nur Poseidon und das Meer.

Zwischen November und Ende März, wenn über dem Atlantik die Tiefdruckgebiete kreisen, harren inzwischen bis zu vierzig, fünfzig Surfer im Ort aus. Sie wohnen in Campern, quartieren sich im Sportzentrum ein, mieten billige Zimmer. Allerdings, sagt Santos, hätten nur etwa 20, maximal 25 Menschen auf der Welt das Zeug, die ganz großen Wellen zu surfen. Die anderen trainieren, tasten sich heran. Wagen sich von den kleineren in die größeren Peaks.

Früher standen Santos und seine Freunde einfach am Strand, schauten zu. Vor ihren Augen detonierte die blanke Macht der Natur. Kein Mensch im Wasser. Lange hielten sie es für unmöglich, dass solche Wellen surfbar wären. Lebensmüde, verrückt. Das hat sich nun geändert. Es geht. Nazarés Nordstrand ist überlebbar.

Ein Bekannter von Santos war es, der das ganze ins Rollen brachte. Dino Casmira, Lehrer, Hobbysurfer und Sportbeauftragter im Rathaus von Nazaré schickte jene ominöse Mail an den Amerikaner  im fernen Hawaii. Er war das Jahr 2005 und McNamara der einzige Big-Wave-Surfer, der eine Homepage hatte. Casmira mailte ihm ein Foto einer der Riesenwogen vor seiner Haustür und schrieb, sinngemäß: Schau dir das mal an. Schon mal so was gesehen? Hat noch nie einer gesurft. Und wir wundern uns: Geht das überhaupt?

McNamara antwortete keine halbe Stunde später. Er war baff. Dennoch dauerte es sechs Jahre, bis der Amerikaner anreiste, bis alles organisiert war, die Welle kam und er sie 2011 tatsächlich das erste Mal ritt. Der Startschuss. Nazaré wurde auf einen Schlag berühmt. Und ab dann wurde es immer irrer.

Das große Spektakel heute, das behagt weder Casmira noch Santos so recht. „Einige der Big Wave Surfer, die kommen, machen ihre eigenen Regeln, sie haben keinen Respekt“, sagt Santos. Sie parken, wo sie wollen, preschen mit ihren Jetskis auch durch die kleinen Wellen. Der Ort habe sich verändert. Manchmal kommen jetzt Reisebusse, dann stehen oben auf den Felsen tausend Menschen und schauen den Surfern zu. An großen Tagen wird Nazaré dann zur römischen Arena. Unten im Meer die Gladiatoren, oben auf den Rängen die glotzende Menge. Die Show folgt einem alten Muster: Mensch gegen Natur – hier allerdings in Reinform zelebriert. 

Hautnah, live und potentiell fatal.

Längst vermarktet Nazaré seine Winterwellen. Bürgermeister Walter Chicharro brüstet sich stolz damit, auf der Weltkarte der Attraktionen aufgetaucht zu sein. Das kleine Nazaré ganz groß. Früher kamen die Wallfahrer, meist in aller Stille, kamen, um die Jesus stillende Maria zu sehen: eine dreißig Zentimeter kleine Holzstatue oben in der alten Kirche. Heute sollen bis zu 400.000 Touristen mehr in den Ort kommen. Menschen, die einmal die kapitalen Wellen sehen und das Surfmuseum am Leuchtturm besuchen wollen. Viele im Ort begrüßen das Theater, anderen ist es egal, wenn die Kamerateams durch die Gassen stiefeln und mal wieder auf einen „Big Day“ warten. Voll ist es in Nazaré darum noch lange nicht.

Santos sieht den ganzen Zinnober um die dicken Wellen mit gemischten Gefühlen. Vielleicht weil er weiß, was es heißt, sich in die Waschküche vor dem Leuchtturm hineinzubegeben. Denn nicht nur die Natur muss bei der ganzen Sache mitspielen. Vor allem die Akteure müssen wissen, was sie tun.

Bei Wellen dieser Kategorie stehst du nicht einfach am Strand, wachst dein Board und paddelst durch die Brandung ins Line-up. Kein Mensch käme da durch. Du brauchst System, Geld, ein ganzes Team. Du benötigst eine Genhemigung vom Küstenkommandanten, um mit dem Jetski drüben vom Hafen aus zu starten, einmal quer über die Bucht zu preschen und dich den mächtigen Wellen von hinten zu nähern. 

Die Jetskis, die für solche Manöver in Frage kommen, haben bis zu 350 PS, kosten bis zu 30.000 Euro pro Stück und werden bis zu 90 km/h schnell. Und diesen deinen Untersatz solltest du penibelst warten. Wenn die Jetskis im falschen Moment versagen, dich nicht vor der nächsten Welle aus der Brandungszone schleppen, sind die Chancen abzusaufen ziemlich hoch. Gut gesponsorte Profis haben neben dem Pilot, der sie auf die Welle zieht, darum zwei weitere Jetskis im Wasser. Allein zur Rettung. Um die Jetskis in der Brandung zu beherrschen, muss man trainieren. Das genaue Anfahren, das gezielte Ziehen, das sekundenschnelle Bergen aus der Gefahrenzone. Mit so einem über 400 Kilo schweren Jetski selbst in die Mangel genommen zu werden – kaum auszudenken.

Am Strand steht zudem am besten ein Notfallwagen parat, ausgerüstet mit Sauerstoff und Defilibrator zur Wiederbelebung. Die Geräte könnten zum Einsatz kommen, falls eine Welle dich erwischt, dich zwanzig Meter tief auf den Meeresgrund presst und du länger als eine Minute die Luft anhalten musst. All das, während du Karussel fährst, wie du es noch nie erlebt hast. Die Geräte könnten ebenfalls deine Rettung bedeuten, wenn deine mit einer CO2-Patrone ausgelöste Auftriebsweste dich in dem gurgelnden Chaos nicht schnell genug zurück an die Oberfläche befördert. Der Notfallwagen, der da besser im beigefarbenen Sand des Praia do Norte parkt, ist ferner ausgestattet mit Schmerzmitteln und Halskorsett. Falls die Welle dir das Genick bricht. 

So würden sie dich dann ins Krankenhaus fahren. 

Oben auf den Felsen stehen weitere Leute deines Teams. Ärzte und dein Spotter, der mit den Fahrern der Jetskis über Funk verbunden ist. Diesen Job macht in Steudtners Mannschaft André Santos, wenn es zur Sache geht. Er steht dann da oben, blickt aufs Meer und mustert die Sets. Die Reihen der nahenden Dünung, die sich langsam zu Hügeln aufwallen und zunehmend steilere Grate ausbilden. Diese Sets kommen wie Soldaten. Nichts hält sie auf. Der Surfer, der hinten auf dem Jetski kauert oder bereits auf seinem Brett dümpelt, sieht von alldem nichts. Er kann den Horizont nicht sehen, von wo die Monster heranrollen. Er sitzt im Tal. Er sieht nur Wasser um sich herum.

Der Spotter entscheidet schließlich von oben, auf welchen der durchs Meer marschierenden Wasserberge der Jetskifahrer den Surfer ziehen wird. Der Spotter sucht eine schöne Welle aus. Eine saubere und im perfekten Winkel eintreffende und, natürlich, am besten die höchste von allen. Auf Kommando gibt der Jetskifahrer Gas, der Surfer kommt hinten ins Gleiten, erreicht die nötige Geschwindigkeit von 40 km/h, um so eine Welle zu erwischen. Und dann, exakt im richtigen Moment, lässt der die zwölf Meter lange Leine los. 

Der Jetski entwischt im letzten Augenblick über die steile Lippe, danach ist der Surfer allein. Allein mit sich und einer halben Million Tonnen schreiendem Salzwasser. Eine brodelnde Wand, die hinter seinem Rücken wächst und wächst. Fußschlaufen halten ihn auf dem Board. Das Board ist zwischen anderthalb und zweieinhalb Meter lang. Bleistreben verstärken es, damit es schwer genug ist und während des Donnerritts mit 80 Sachen die beinahe senkrechte Rampe hinunter nicht davonfliegt. Jeder kleine Buckel, jeder Verwehung wird ab jetzt zur Sprungschanze.

Was in diesen Sekunden in den Köpfen der Surfer vor sich geht, wissen nur sie selbst, doch womöglich umreißen es die Zeilen Friedrich Nietzsche, die er in „Jenseits von Gut und Böse“ einmal formulierte: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht selbst zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Tragödie. Eine innere wie äußere. So, vielleicht. 

Doch das alles reicht noch nicht. Nicht, wenn du kein Purist bist, sondern ein strebsamer Rekordfahrer, der in die offiziellen Annalen des Big-Wave-Surfens will. Dann brauchst du in deinem Team auch noch einen Fotografen oder Kameramann, der deinen Todesritt einfängt und dich kenntlich in Aktion ablichtet. Die Bilder schickst du, wenn das Meer sich geglättet hat, an die World Surfing League WSL, deren Experten mit verschiedenen Rechenmethoden ermitteln, wie hoch die Welle letztlich ausfiel. Ob sie nur eine sehr hohe war, eine extrem hohe – oder womöglich diese eine rare Welle, an der alles passte. Die höchste des Jahres, die höchste der Geschichte.

Erst dann bekommst du die Krone.

Am nächsten Morgen, einem Mittwoch Ende Dezember, kommen die Wellen. Oben am Leuchtturm haben sich hundert, zweihundert Menschen eingefunden, fröstelnd stehen sie im Wind. An diesem Tag steigt der „Gigantes de Nazaré“, ein Fake-Contest fürs brasilianische Fernsehen. Der Sender TV Globo inszeniert eine Art Reality Show rund um die Big-Wave-Surfer; in Südamerika werden Millionen Menschen die Bilder sehen. Es ist eine Mischung aus Evel-Knievel-Drama und knallhartem Wassersport. Für die Akteure, allen voran die brasilianischen Surfer, eine hübsche Bühne. Ihre Sponsoren verlangen Präsenz, die Logos müssen leuchten. Und der Medienwert ihrer maritimen Husarenstücke liegt inzwischen bei mehrstelligen Millionensummen.

Zwei Wochen lang flimmerte der Rekordritt des Rodrigo Koxa schon über eine dreißig Meter hohe Videoleinwand am New Yorker Times Square. Koxa selbst, Portugals Premierminister sowie die Chefs des Wirtschafts- und Tourismusministeriums waren eingeflogen. Sie gaben Interviews, Signierstunden. Nazaré und seine Wellen gingen um die Welt, ein Coup in Sachen Eigenwerbung: Im Nu generierte der 30-Sekunden-Ritt zehn Millionen Klicks. Dieselbe Aktion soll bald auch in São Paulo steigen. Die portugiesiche Monsterwelle in Originalgröße, gebeamt auf die Fronten gläserner Wolkenkratzer. 

In Nazaré selbst sieht man den Wirbel gelassen. Das Meer ist das Meer, der morgendliche Galão noch immer das Wichtigste.

Im kleinen Museum am Leuchtturm spaziert am Vormittag Rodrigo „die Bombe“ Koxa höchstpersönlich an den Reihen der ausgestellten Boards entlang. Der derzeitige Supersurfer lächelt, stellt sich für Selfies auf, die Leute begrüßen ihn wie einen Freund. Hinter ihm knallen zehn, zwölf Meter hohe Wellen an die Felsen, wütet ein tosendes Schaummeer. „Vielleicht werde ich nachher noch reingehen“, sagt er. „Noch sind die Wellen nicht hoch genug.“

Kurz darauf sitzt er einem der Cafés am Platz vor der alten Kirche der Nossa Senhora, erzählt freimütig von seinem Leben für die Welle. Fast den ganzen Winter verbringt er in Nazaré, trainiert, bereitet sich vor, falls die eine noch höhere Welle kommen sollte. Angst, sagt Koxa, habe er vor und während so eines Ritts nicht. „Die Angst kommt nur, wenn du nicht parat für so was bist.“ 

Seine Frau und seine Mutter sind beide Psychologinnen, sie geben ihm Tipps, wie man sich auf derartige Stresssituationen einstimmen kann. Es gehören mentale Tricks dazu, Meditation. Und ein Leben an Vorbereitung. Was auf der Welle dann wirklich geschieht, wissen die Psycholginnen natürlich nicht. Koxa sagt nur, es müsse alles, wirklich alles stimmen. Du müsstest an dem Tag dein bestes Brett fahren, den besten Winkel erwischen, jeder Muskel müsste sich gut anfühlen, dein Körper in Bestform sein und der Jetski-Fahrer auf den Punkt genau fahren. „Ich spüre das“, sagt Koxa, „Jeder kleinste Faktor muss bei 100 Prozent sein, dann kann ich es wagen.“

Über seinen 24-Meter-Sturzflug sagt er: „Die Wellen kamen an dem Tag aus Nordwest, die beste Richtung. Sie waren sehr hoch. Wir waren anderthalb Stunden im Wasser und warteten auf die Bombe. Dann kam das Set. Die dritte Welle war es. Die höchste von allen. Ich habe zu meinem Jetskifahrer geschrien: Ja, die nehme ich! Wir zischten los, nahmen Speed auf, dann ließ ich die Leine los. Der Schatten der Welle kam von hinten über mich. Ich war ganz oben, am steilsten Stück. Es war endlos, es war irre. Die beste Welle meines Lebens. Ich liebe das Meer. Es ist wie mein Vater. Es macht mich zu einem besseren Mensch.“


Am Mittag werden die Wellen noch höher. Deutlich über zehn Meter. Gewaltig in üblichen Maßstaben, klein noch für Nazaré. Am Südende der Stadt machen sich die Surfer am Hafen parat, ziehen die Jetskis aus Containern. Es mutet an wie ein improvisiertes Formel-1-Lager. Surfboards lehnen an den Wänden, hängen unter den Decken. Überall Leinen, Auftriebswesten, Neoprenanzüge. 

Vor einem der Container macht sich Antonio Laureano fertig, beugt die Knie, dehnt die Muskeln, spielt mit einem Ball. Mit seinem Vater wird er rausgehen, der Vater fährt den Jetski. Antonio fing mit vier Jahren an zu surfen, mit zwölf wagte er sich erstmals in große Wellen. Heute ist er fünfzehn, der jüngste der Big-Wave-Surfer der Szene. Seine höchste Welle? „Um die sechzehn Meter, schätze ich.“ Über dem bunten Neopren trägt er die Auftriebsweste mit drei Auslösestrippen, einen Karbonpanzer, um den Rücken zu retten. Schon eine sechs, sieben Meter hohe Welle kann, wenn sie dich falsch trifft, dein Rückgrat zerbrechen wie ein Streichholz.

Warum tut er das? Surfen macht auch in warmen, zwei Meter hohen Wellen einen Heidenspaß. Der Teenager Antonio Laureano sieht aus wie ein grünrot aufgeblasener Footballspieler, seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Adrenalin. Ich mag es, wenn ich Angst habe.“

Am frühen Nachmittag sind zwölf Surfer im Wasser. Da unten, an der „Bank, die Witwen macht“, wie die Fischer die Ecke am Canyon seit jeher nennen. Dutzende von ihnen haben im Lauf der Jahrhunderte ihr Leben auf dem Meer gelassen. Der Atlantik ist wild, hier aber kann er tobsüchtig werden. Bevor Nazaré seinen Strand aufs Doppelte verbreiterte, flutete die Brandung im Winter regelmäßig die Promenade. Den Frauen, die in den Häusern der erste Reihe wohnten, schwappte das Salzwasser beim Kochen bis zu den Knöcheln.

Die Surfer reiten die Wellen, versuchen die schönste, die höchste Woge des Tages zu erwischen. Oben am Leuchtturm halten die Leute schon jetzt den Atem an. Die Surfer schrumpfen zu Punkten auf weiß marmorierten Steilhängen. Von den Felsen schießt die Gischt zwanzig Merer hoch in die Luft, alle halbe Minute, wenn wieder eine Welle bricht, füllt ein gutturales Donnern die Luft. Ein markerschütterndes Knallen, als würden Bomben einschlagen.

Noch gab es keine Toten beim Surfen in Nazaré. Die Brasilianerin Maya Gabeira wäre 2013 fast ersoffen, erst kürzlich rettete Sebastian Steudtner dem Surfer Thiago Jacaré das Leben. Vier Schaumwalzen hatten den Brasilianer überrollt, zehn bis fünfzehn Meter hohe Wellen. Es ging um Sekunden. Jacaré, gerade noch bei Bewusstsein, war schon kurz vor den Klippen. 

Es kommen nun auch die Freaks nach Nazaré, sagen einige inzwischen. Die Übermütigen. Jene, die sich anmaßen, das Meer auch bei 99 Prozent besiegen zu können. Die Tragödie liebt das. Sie beginnt meist mit einer Katastrophe und steigert sich langsam. Dann geht es dem Held an den Kragen.

So war es schon immer, schon im alten Griechenland.

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